Schreibende Hand im Pullover

Donnerstag, 26. März. Noch drei Tage bis zum „Runden“. Jetzt geht es los mit der Panik, ich hatte mich schon gewundert, wo sie bleibt. Mein Mut und meine Zuversicht haben mich verlassen. Wenn jetzt noch einer zu mir sagt, man ist so alt wie man sich fühlt, kotze ich ihm vor die virtuellen Füße. Dieser Tage sollte ich eingedeckt sein mit Vorbereitung für meinen „Tag der offenen Geburtstagstür“ und mich damit ablenken von unweigerlich auftauchenden Gedanken um Alter, Gebrechen und Tod. Aber nein, Scheiß Corona.

Abgesagt. Kein Stress mit Vorbereitungen

So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Ich gehörte zu denjenigen, die ziemlich entspannt reagierten, als alles los ging, kein Wunder, ich habe keinen wichtigen Job zu machen oder muss mich um meine Existenz sorgen. Ich sagte mir und allen anderen, dass alles für mich kein Problem sei. Dann eben keinen Geburtstag feiern. Das holen wir nach. Ist ja nur ein Datum. Insgeheim war ich sogar froh: kein Stress mit Wohnung putzen und einkaufen und an alles denken. Alles abgesagt, ich kann chillen, ohne Handy, ohne Videokonferenzen, ohne Uni-online-Termine, einfach nur genießen, einen ganzen Sonntag lang.

Doch jetzt spüre ich Angst. Vielleicht liegt es an der allgemeinen Unsicherheit auf der ganzen Welt. Es fühlt sich an, als ob eine Gefahr näher kommt und ich keinen Ausweg finde. Bewegung in der Natur hilft mir in schwierigen Zeiten, also spazierte ich los nach dem Mittagessen, warm eingepackt in Daunenjacke und mit Haube. Rauf zum Friedhof und ich genoss es, ihn ganzfür mich alleine zu haben. Er liegt am Rande des Waldes den Berghang hinauf, gleich hinter unserer Wohnung, eine viertel Stunde zu Fuß.  Ich bin gern dort, lese Grabinschriften, schau, ob ich bekannte Namen entdecke, hänge Erinnerungen nach und werde innerlich ganz ruhig. Ich dachte, so, jetzt geht es mir schon viel besser.

Verzweiflung und Zuversicht

Am Heimweg begegnete mir eine alte Frau, gebeugt, mit Brille auf der Nase und gestrickter Haube, tief in die Stirn gezogen. Nach meinem freundlichen Gruß sprach sie mich an und fragte, ob es wahr wäre, dass soviele in Reichenau krank seien?  Sie stützte sich auf ihre Walking-Stöcke und sagte: „Ich bin ja schon immer religiös, beten hilft.“ Ich wollte ihr Mut zusprechen, sie wirkte verängstigt auf mich. Ich versuchte es ein paarmal mit: „Zuversicht ist jetzt…“ Doch sie ließ mich nicht zu Wort kommen, vielleicht hört sie schlecht. Sie erzählte: „Wissen Sie, ich bin 86, Sudetendeutsche. Ich weiß, was Hunger und Lager bedeuten.“ Ich blieb hartnäckig bei meinem Zuversichtsgelaber: „Dann ist das jetzt mit Corna ja quasi ein Spaziergang für Sie.“ Sie antwortete leise: „Ja, schon.“ Schade, dass ich sie nicht zu mehr Zuversicht bringen kann, dachte ich mir.

Wir verabschiedeten uns und ich ging weiter. Nach ein paar Schritten hörte ich, wie sie mir nachrief: „Und verlieren Sie nicht den Mut!“ Die Worte gaben mir den Rest: Ich habe am Weg nach Hause leise vor mich hingeweint.

Ich habe den Mut nicht verloren! Er ist irgendwo, er versteckt sich heute nur sehr geschickt. Aber morgen taucht er wieder auf, ganz sicher. Corona kann mich mal.

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