Füllfeder auf Block

Die meisten Schreiberinnen, die ich kenne, haben diese, vermutlich ansteckende, Krankheit: Aufschieberitis, Prokrastination. Ein Wort, das ich lange nicht richtig schreiben, geschweige denn aussprechen konnte.

Ich habe mich damit schon vor Jahrzehnten angesteckt und mittlerweile bekomme ich den Begriff fehlerfrei über die Lippen. Die Symptome: Du suchst und findest ständig Ausreden, um nicht zu schreiben und lenkst dich ab, vertrödelst Zeit, du tust alles, aber nicht das, was erledigt werden sollte. Zum Rumtrödeln eignen sich besonders gut die sozialen Medien, aber auch Ausreden wie: zu viel Arbeit, zu viel schönes Wetter, zu wenig Zeit, zu müde, zu verliebt, zu hungrig, zu …

Chronisch

Du bekommst Prokrastination nicht mehr los und musst damit leben lernen. Die gute Nachricht ist: Für so manches in deinem Leben brauchst du sie auch, zumindest ging es mir so, als ich als Journalistin Woche für Woche eine Zeitung fertig bekommen musste. Ein Abgabetermin hilft mir heute noch – und die Sanftmut des Alters. Jetzt mit 50 lächle ich gar, wenn ich wieder mal tagelang, wochenlang etwas vor mich herschiebe, weil ich, Gott weiß warum, es nicht tun will oder tun kann. Eine gewisse Gelassenheit hilft.

Werde ich je Gemüse einlegen?

Liebevoll nenne ich sie heute Prokra.  Sie hindert mich daran, gleich und ohne Stress, einfach in Ruhe Angebote zu schreiben, Texte zu korrigieren, einen Blogbeitrag zu schreiben (!) oder Lektüre für eine Seminararbeit auf der Uni durchzuackern. Sie kämpft auch gegen Alltägliches wie Wäsche bügeln, alte Freundinnen anrufen, Haare färben oder epilieren, das schmutzige Geschirr gleich in die Maschine räumen. Und das Schlimmste, sie hindert mich auch daran, zu tun, wovon ich schon lange träume:  Gemüse einlegen und Marmelade einkochen, große Dinnerpartys schmeißen, malen lernen. Fuck, was hält uns davon ab, etwas zu tun, das wir gerne tun würden? Vielleicht rede ich mir nur ein, dass ich es gerne tun würde? Andere haben dazu geforscht und Bücher geschrieben. Das mache ich dann vielleicht auch irgendwann einmal, wenn ich Zeit habe. Aber ich habe Strategien gegen Prokra entwickelt.

Unsympathische Ausnahmen

Ich kenne Menschen, die sich offenbar nie angesteckt haben mit Prokrastination, ich nenne sie die „Alles-immer-sofort-Erlediger*innen“.  Der emeritierte Philosophieprofessor der Stanfort University John Perry nennt sie „arbeitswütige Enthusiasten“ in seinem Büchlein „Einfach liegen lassen“ (erschienen im Goldmann Verlag, 2012, Buchtipp! absolute Leseempfehlung!).  Diese Spezies schüttelt den Kopf und fragt: „Wie? Warum machst du es nicht gleich, dann hast du es hinter dir?“ Sie ist mir unangenehm, weil sie mich brutal an meine Unperfektheit erinnert. Ich meine, die „Alles-immer-sofort-Erlediger*innen“ könnten mich motivieren, auch meinen Arsch hochzubekommen und ins Tun zu kommen. Aber das Gegenteil tritt ein, denn sie verstärken die scheinbar unüberwindbare Wand, die sich vor meinen auf mich wartenden Aufgaben aufgebaut hat. Alte Glaubenssätze tauchen auf: „Die sind viel besser als ich. Das schaffe ich nie. Ich bin faul, war ich schon immer. Ich werde nie etwas fertigbringen.“ Und dann ist die Aufschieberitis wieder voll ausgebrochen.

Bei anderen ist es ganz leicht

Ich lehre in meinen Schreibtrainings und Workshops Strategien, um in den Schreibfluss zu kommen, erprobte Rezepte, um im Schreiben zu bleiben, gute Storys im Unternehmen zu finden, Informationen für Texte richtig zu recherchieren. Fragt mich in der U-Bahnstation morgens um 7 Uhr und ich habe sofort fünf gute Rezepte parat, die euch helfen können. Natürlich unterstützen sie auch mich in meinem Schreiben, aber nicht immer und nicht alle Rezepte funktionieren bei allen gleich gut. Ein paar verrate ich euch gleich.

Mit Blog-Beitrag prokrastinieren

Ich habe für meine Prokra eine Strategie entdeckt, die meist klappt: Ich verschiebe ohne schlechtem Gewissen eine Aufgabe, indem ich eine andere Aufgabe, die ich auch schon ewig verschiebe, erledige. Ja, das geht! Dieser Blog-Beitrag ist ein gutes Beispiel für klassisches Prokrastinationsverhalten von mir. Denn eigentlich wollte ich über mein September-Experiment berichten, damit ich, wenn ich schon nicht an meiner Kurzgeschichte schreibe, zumindest hier produktiv bin. Ich hatte mit dem Titel begonnen: „Mein September-Experiment“. Dann habe ich ein passendes Foto dazu gemacht und gleich auf Instagram gepostet. Es könnte ja sein, dass sich von dort jemand hierher verirrt und mehr erfahren will, über mein September-Experiment. Dann war aber Schluss mit meiner Motivation zu diesem neuen Projekt. Ich fabuliere stattdessen über meine liebe Prokra.

Meine Schreibtrainerinnen-Kollegin Claudia würde an dieser Stelle, nein, schon viel weiter oben, im 2. Absatz, die Hände zusammenschlagen und den Laptop zuklappen. Weil: kein Leserinnen-Nutzen, nur Geschwafel über meine Befindlichkeiten. Ich kann sie hören: „Es braucht konkrete Problemlösungen, Angebote und Services!“ Darin ist sie Meisterin und sie hat recht. Die Lösungen kommen jetzt und nur solche, die ich selbst ausprobiert habe und die für mich funktionieren, wie bei einem Kochrezept, das ich nur teile, wenn ich es erfolgreich nachgekocht habe.

Das hilft mir gegen Prokra

Bonus-Absatz, für alle, die es bisher geschafft haben. Meine Strategien gegen Prokrastination laufen auf folgendes Prinzip hinaus:

  1. Lieb sein zu mir, auch wenn ich gerade keine Leistung bringe. Ich bin dennoch wertvoll.
  2. Alternative Lösungen finden: Wenn von A nach B nicht funktioniert, Umwege suchen und ausprobieren.
  3. Meine erprobten Schreibrezepte selbst anwenden.

Das geht so: Ich sammle Gutpunkte für mich.

9 erfolgreiche Strategien:

  • Wenn ich nicht an meiner Geschichte schreibe, stattdessen nur über das Schreiben in Sachbüchern lese – gebe ich mir einen Gutpunkt statt Schelte. Ich weiß, darüber zu lesen reicht nicht, aber es ist wohl einer der kleinen Schritte, die ich am Weg brauche. Einen zweiten Gutpunkt gibt es dazu, weil dieses Lesen stärkt meine Schreibtrainerinnen-Expertise.
  • Ich habe mir angewöhnt, ein bis zwei Schreibhefte und einen Stift immer bei mir zu tragen, egal wohin ich gehe. Dafür gibt es einen Gutpunkt. Wenn ich dann tatsächlich etwas notiere, was mir auffällt, ein spannender Dialog, eine Idee, dann gibt es dafür einen zweiten Gutpunkt.
  • In Gemeinschaft kann ich sehr gut schreiben. Ich warte nicht darauf, dass sich wer meldet und sagt: „Komm, lass uns zusammen schreiben.“ Ich suche mir aktiv so genannte Schreibbuddys: Menschen, mit denen ich zu fixen Terminen schreibe. Pro Schreibtermin pro Woche, ergibt das einen Gutpunkt.
  • Regelmäßig frei schreiben! Täglich! Ich bin von Julia Camerons Morgenseiten überzeugt. Wenn ihr mehr darüber wissen wollt, könnt ihr in meinen Schreibrezepten dazu lesen.
  • Haushalt: Mein Lieblingsmensch kümmert sich jetzt um das Geschirr und wir bügeln nicht mehr selbst. Zwei von zwei Gutpunkten.
  • Haare: Ich mag meine Beine auch mit Haaren und am Kopf sind sie jetzt kurz und grau. Keine Färbung mehr notwendig. Zwei von zwei Gutpunkten, eigentlich drei, denn ich brauche jetzt auch keinen Föhn mehr.
  • Kochen und essen: Etwas Neues ausprobiert und ein kleines Projekt gestartet: das September-Experiment. Demnächst mehr dazu (falls ich den Beitrag nicht verprokrastiniere). Meine Mutter habe ich gebeten mit den Einkoch-Versuchen zu starten. Ich schau dann, wie es ihr damit ging und mache es ihr dann nach. Das ergibt einen ehrlichen Gutpunkt von zwei.
  • Große Dinnerpartys: Corona ist ein gutes Gegenargument und kann so stehen bleiben. Gleichzeitig hoffe ich, dass wir heuer doch noch zum Grillen eingeladen werden und derweilen koche ich für meinen Lieblingsmenschen und mich feine Abendessen. Halber Gutpunkt.
  • Wenn mein Schreibtisch mich wieder mal nicht an sich heranlässt, schnüre ich meine Wanderschuhe und gehe einfach los. Danach setze ich mich an den Esstisch, ins Bett, auf die Couch oder an einen Hüttentisch und kann gut denken und arbeiten. Übrigens: Meine besten Ideen kommen beim Gehen. Vielleicht hast du Lust, es auszuprobieren: Frei nach Luft und Laune!

Wie schaut deine persönliche Prokra aus? Und welche Rezepte funktionieren bei dir? Wofür kannst du dir Gutpunkte geben? Schreib mir deinen Kommentar dazu, ich bin gespannt.

6 Kommentare
  1. Maria sagte:

    Liebe Frau Schreibküche, das spricht mir aus der Seele und hat mich zum Lächeln gebracht: über den hilfreichen Inhalt des Textes, meine Prokra (Wort wird sofort geklaut 😉 und über den Gutpunkt, den ich mir gerade gönne – ein Kommentar schreiben 🙂
    Tippsumsetzung: suche einen/eine Schreibbuddy, die sich einmal pro Monat für 1.5h digital mit mir trifft (Montag Abend 20.45), um auf meinem Popsch sitzen zu bleiben und in diesen 1, 5 Stunden mit einem Text an irgendwas anderem zu prokrastinieren.
    Danke für den Text!

  2. sandra sagte:

    liebe ilona,
    ich zähle wohl eher zu den „tue es jetzt, dann ist es erledigt“ menschen. ab und zu überkommt es mich dann doch und der bügelberg gleicht dem großglockner oder die flaschen für den sondermüll dem traunstein 😉
    ich hab bis zum schluss durchgehalten 😆 und werde mir den einen oder anderen punkt geben bzw nachdem ich das eine beiseite geschoben habe, dafür etwas anderes erledigen.
    alles gute 😊

  3. Ilona Matusch sagte:

    Vielen Dank für dein Rückmeldung, liebe Maria! Ich wünsche dir, dass du jemanden findst für dein Online-Schreiben. Falls nicht, melde dich bitte nochmal bei mir, der Termin passt bei mir gut. Ich kann nur leider hier nicht direkt antworten, ähm. Ich habe erst nächste Woche eine Einschulung zu den Tricks der Website. Du erreichst mich über E-Mail, siehe unten bei Kontakt. Liebe Grüße aus der Schreibküche, Ilona

  4. Ilona Matusch sagte:

    Liebe Sandra, auch dir ein Dankeschön für deinen Kommentar. Hach, es ist so fein, in Interaktion zu treten. Deine Bergbilder mag ich sehr. 🙂 Alles Liebe und viel Energie für deine Wege über die Bügel- und Müllberge, Ilona aus der Schreibküche.

  5. Birgit Haag sagte:

    Ach, liebe Ilona, Du sprichst und schreibst mir aus der Seele. Was mein Schreiben betrifft, gilt: „In Wirklichkeit bin ich ganz anders, ich komm nur so selten dazu“ – frei nach Ödön von Horváth. Dein Blogtext macht jedenfalls richtig Spaß und versöhnt mich ein wenig mit mir selbst. Übrigens: Ich sammle auch Gutpunkte mit dem eifrigen Bestellen von Schreibbüchern – das Lesen muss ich dann manchmal prokrastinieren …

  6. Ilona Matusch sagte:

    Liebe Birgit, ich freu mich, von dir zu lesen! Danke für das super Zitat von Horváth, das passt perfekt. Du siehst, Prokra trifft auch die ganz Großen. 🙂 Das Bestellen der Bücher ist der erste Schritt, gut gemacht! Die Zeit wird kommen, dann schaust du auch rein, da bin ich sicher, du musst ja nicht gleich das ganze Buch durchackern, zwischendurch mal in eine Einleitung oder in ein Kapitel reinschnuppern, reicht ja auch schon. Bird by bird, Schritt für Schritt… Alles Gute für dich und dein Schreiben!

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

zehn − fünf =