Anfang Dezember trug ich meine Weihnachtsbriefe und -Karten zur Post. Bei einem Brief an meine Freundin Sarah-Maude in Montreal meinte die Post-Mitarbeiterin bedauernd: „Tut mir leid, nach Kanada werden gerade keine Briefe angenommen.“ Ich staunte und dachte, gut, bei alle den Paketen, die gerade um die Welt geschickt werden, vielleicht sind die überlastet. Das kann passieren. Ich nahm den Brief nach Kanada wieder mit.

Sarah-Maude liegt mir am Herzen. Wir teilten uns im Sommer 2019 einen Monat lang ein Appartment in Medellín, Kolumbien. Wir suchten während unserer kleinen Auszeit gemeinsam nach neuen Ideen für unser Leben, nach beruflichen Visionen und nach neuen Möglichkeiten zu schreiben. Wir erzählten uns von unseren Schreibprojekten, ich machte ihr Lust auf Morgenseiten und ich war begeistert von ihrem Theaterstück, an dem sie arbeitete. Seit dieser Zeit sind wir uns durch Briefeschreiben verbunden.

Bis November 2020 vorerst. Bei meinem 2. Versuch, den Brief an Sarah-Maude zu versenden bekam ich wieder ein Nein von der freundlichen Post-Mitarbeiterin. Ich könnte ihn gern als Paket schicken, das kostet so knapp 50 Euro. Naja, soweit geht die Freundschaft dann doch nicht. Nach dem dritten Versuch knapp vor Weihnachte habe ich – vorerst – aufgegeben.

„Ich will nach Kanada!“

Am 26.12. bemerkte ich meinen dazwischen vergessenen Weihnachtsbrief am Couchtisch. Er lugte unter Magazinen und neuen Büchern hervor und ich hörte ihn plötzlich mitleidhaschend rufen: „Verschick mich, verschick mich! Ich will nach Kanada!“ Er hat mein Herz erweicht. Was tun? Ich habe kurzerhand den Brief fotografiert und Sarah-Maude das Bild per Whatsapp geschickt mit dem Hinweis, das er seit drei Wochen auf die Versanderlaubnis wartet. Sie hat in der Sekunde zurückgeschrieben mit Beweisfotos von ihren bereits geschriebenen Briefseiten. Wir konnten uns beide daran erfreuen, dass wir aneinander gedacht haben und unsere Freundschaft besteht.

Briefe wärmen das Herz

Austausch über Soziale Medien und Internetkonferenzen muss derzeit für persönliche Treffen, für Umarmungen und In-die-Augenschauen Notdienst leisten. Aber Briefe sind wieder etwas Anderes, finde ich. Jemand nimmt sich Zeit, setzt sich hin, schnappt sich einen Stift, reißt ein Blatt aus dem Notizblock oder wählt ein feines Briefpapier. Denkt an dich und hält ihre/seine Gedanken fest. Fragt nach, wie es dir geht und erzählt, was sie/ihn gerade umtreibt. Und wenn dieser Brief dann ankommt, seinen Weg in den Postkasten gefunden hat, mit einer Marke und deinem Namen drauf: Das umschmeichelt und wärmt mein Herz.

Mein Schreibtipp: Schreibt Briefe!

Mein Aufruf an euch da draußen: Schreibt Briefe! Denkt über den/die Adressat*in nach, darüber, was euch verbindet und was euch trennt. Versichert euch gegenseitig eurer Freundschaft und genießt es, wenn in ein paar Wochen oder Monaten wieder ein neuer Brief, meist unverhofft und überraschend, hereinflattert – wenn die Post es zulässt. Eines weiß ich sicher, Sarah-Maude und ich geben nicht auf und schreiben uns weiter. Irgendwann wird sich alles wieder einrenken und dann gehen unsere Briefe auf die Reise. Und wenn wir endlich wieder selbst reisen dürfen, dann schreibe ich Ansichtskarten. Ich war noch nie in Kanada. Mein Weihnachtsbrief an Sarah-Maude leider auch noch nicht, die Betonung liegt auf: noch nicht.

 

1 Antwort
  1. Willi Hirtenfelder sagte:

    Auch wenn nach Kanada derzeit kein Brief geschickt werden kann. Deshalb muß man die (Schreib)küche ja noch lange nicht zusperren.
    Ich verstehe schon, man muß jetzt ja nach draußen. Der Schnee geht weg, die Bäume „schlagen“ bald wieder aus. Aber das ist noch lange kein Grund, die Küche geschlossen zu halten. Es gibt immer irgendwo irgendwen, der/die auf Nachricht aus der Küche wartet.
    Könnte sogar in Kanada sein, was weiß man?

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